Bye-Bye Berlin. Jugendbuch.
Petra Kasch, Ravensburger, August 2009


bye-bye berlin

Nadja nimmt zögernd den Hörer ab und sagt leise: „Ja, Thamm.“

„Frau Thamm, hier ist die Polizei!“, poltert ihr eine dunkle Stimme entgegen. Vor Schreck lässt sie den Hörer fallen.

„Frau Thamm, sind Sie noch dran?“

Nadja hebt den Hörer mit zitternden Händen wieder auf. „Hier ist Nadja Thamm“, sagt sie.

„Einen Augenblick, bitte“, erwidert die Stimme.

Dann hört sie ihren Vater. „Nadja?“ Ihr herz klopft bis in den Hals hinauf. Am anderen Ende ist ein Räuspern zu hören. “Nadja“, redet ihr Vater mit seltsam fremder Stimme, „tust du mir einen Gefallen?“ Er schweigt einen Moment.

Nadja spürt jede einzelne Rille der abgeschliffenen Dielen unter ihren nackten Füßen.

„Kannst du mir Schuhe vorbeibringen?“

„Sie versteht kein Wort. Wieso Schuhe vorbeibringen?

„Ich bin auf dem Polizeirevier in der Bergstraße“, sagt er leise. „Bitte komm gleich.“

Nadjas Mutter hat nach der Wende in Hamburg eine gutbezahlte Stelle angenommen. Doch der Vater, früher ein berühmter Fotograf in der DDR, blieb mit der Tochter in Berlin. Jetzt vertrinkt er die Miete. Nadja will das Geld auftreiben, bevor die Zwangsräumung vor der Tür steht.

Doch wie schafft man das, wenn man erst dreizehn ist und obendrein das Jugendamt vor der Tür steht?

Und was ist all den Fotos, die Vater in vielen Jahrzehnten in der Wohnung angehäuft hat? Jahrzehnte Alltag aus der untergegangenen DDR finden sich in Kisten und Kästen und als Vater weiter das Geld versäuft, wird sie so wütend, dass sie die Fotos verbrennt. Doch plötzlich haben ihre Freunde eine Idee. Eine verrückte Idee, aber ...

Petra Kasch hat ein spannendes Buch geschrieben, über ein Mädchen, das mit Fotografien aufgewachsen ist, das erlebt, wie der Vater die Wende und die neue Geschäftigkeit nicht packt. Über Freundschaft und Ideen und was diese wert sind. Gleichermaßen gut wie auch spannend geschrieben und eigentlich ein „All Age Buch“, wie es auf Neudeutsch heißt. Denn was man hier über Fotografie erfährt, ist mindestens so spannend, wie der Kampf Nadjas mit dem Jugendamt, mit dem Vater, der das Trinken nicht lassen will und der Zwangsräumung.

Nur die allerletzten paar Seiten wirken ein wenig deplaziert. Als alles glücklich überstanden ist, kommt der Hammer, der eigentlich überhaupt nicht zum Buch passt. Doch die restlichen Seiten sind so gekonnt, so spannend, dass sie das bei weitem aufwiegen.

Ein etwas anderes Buch zu zwanzig Jahren Mauerfall, aber ein ehrliches. Besser als all die Zeitungsartikel und Politiker, die sich selbst feiern.

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