Alentejo Blue. Roman.
Monica Ali, Droemer, August 2006


"Zuerst dachte er, es wäre eine Vogelscheuche. Als er herauskam, um im matten Licht des Morgens seine Blase zu leeren, und dabei wie immer den alten Judasbaum pries, wandte Joao den Kopf und sah die dunkle Gestalt zwischen den Bäumen. Es dauerte etwas, bis er den Reißverschluss wieder geschlossen hatte. Seine Finger verhielten sich wie feindliche Agenten. Sie gaben vor, sein Werkzeug zu sein, arbeiteten jedoch insgeheim gegen ihn."

Vierundachtzig Jahre alt ist Joao und lebt in Marmarossa, einem Dorf in Südportugal. Salazar hat er erlebt und seine Geheimpolizei, die Kommunisten, die gegen ihn agitierten und seinen Freund Ruiz, der keine Angst hatte, seine Meinung zu sagen, wohl aber, zu seiner Liebe zu stehen.

Aber heute ist heute und längst ist auch in Marmarossa die Globalisierung eingezogen, Salazar und die Kommunisten gehören der Vergangenheit an. Heute leben Estranjeros hier, zum Beispiel die Familie Potts aus England, deren Tochter sich als Vamp versucht, der Vater ist ein heruntergekommener Loser, der hier sein Glück sucht. Da ist Vasco, der fette Wirt des Dorfgasthauses, der nach Amerika ging und dort zwanzig Jahre als Barkeeper arbeitete. Er weiß alles über Business, glaubt er. Und dass das neue Internetcafe im Ort scheitern wird.

Da ist Stanton, ein versoffener englischer Autor, der hier hofft, seinen Roman fertig zu schreiben, aber nur in den Armen von Mutter und Tochter Potts landet. Und Marco, der nach Jahrzehnten ins Dorf zurückkehrt und alle glauben, er sei Millionär und werde hier seinen Reichtum investieren. Nicht zu vergessen Teresa, die auf eine Au-Pair Stelle in London hofft, aber nicht wagt, ihre Mutter in diese Pläne einzuweihen.

In zehn Erzählungen tauchen die Figuren in immer neuen Konstellationen auf. Monica Ali versteht ihr Handwerk, vermag zu formulieren, zu beschreiben, wie es heute von Literaten erwartet wird. Aber dennoch gewinnt der Ort keine Konturen. Zu blass bleiben die Personen, zu beliebig die Beschreibungen.

Für ihren Erstling "Brick Lane" wurde sie hochgelobt, weil sie die Lebenswelt der Einwanderer aus Bangladesh plastisch schildern konnte. Doch hier gelingt genau das nicht. Vielleicht, weil Portugal ihr selbst längst nicht so nahe liegt, wie Bangladesh? Vielleicht, weil viele der Erzählungen viel zu ausufernd, weitschweifig sind, der Leser das Gefühl bekommt, die Autorin weiß nicht, auf was sie eigentlich hinauswill, was ihre Geschichte ist? Jedenfalls ist die beste ihrer Geschichten - die erste - auch die kürzeste.

Fazit: Gut erzählte Geschichten aus einem portugiesischem Dorf, denen dennoch das Leben fehlt.

Über die Autorin: Monica Ali wurde 1967 in Bangladesch geboren und kam mit drei Jahren in die Heimat ihrer Mutter nach London. Nach einem Abschluss in Oxford arbeitete sie als PR- und Marketingfrau zunächst für kleinere Verlage, später in verschiedenen Agenturen. Mit "Brick Lane", ihrem ersten Roman, landete sie 2003 auf der Granta-Liste der besten englischsprachigen Autoren, der Roman wurde ein Bestseller und in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Monica Ali ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in London.

Alentejo Blue, Monica Ali, Roman, Droemer, August 2006
Originaltitel: Alentejo Blue, aus dem Englischen übersetzt von Anette Grube
ISBN-10: 3-426-19744-8, ISBN-13: 978-3-426-19744-8 , gebunden, 332 Seiten, Euro 19,90

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