Die Auswanderer. Roman.
Gerd Fuchs, Edition Nautilus 2003


Der Kulturredakteur und Lessingpreisträger Gerd Fuchs hat sich einer vergessenen Vergangenheit angenommen. Vor hundertfünfzig Jahren wanderten Millionen Deutsche, Millionen anderer Europäer aus, suchten ihr Glück in Amerika. Damals war Deutschland kein Einwanderer-, es war ein Auswandererland wie heute Rumänien oder die Türkei.

Simon Kantor, ein jüdischer Uhrmacher aus Russland, der Soldat Klaus Groth, der Arzt Albert Werth, eine ehemalige Ordensschwester, ein Wechselbetrüger stellen dem Leser stellvertretend für die Vielen ihr Schicksal vor.

Und da ist der HAPAG Werber Tatlin. Denn wie heute auch, ohne Werbung ging nichts und Tatlin wirbt in Russland Auswanderer für die HAPAG Dampfer, die von Hamburg nach New York fahren. Die Fahrt im Zwischendeck ist hart, aber grade noch erschwinglich und in Hamburg betreibt die HAPAG ein eigenes Auffanglager für ihre Kunden.

Mit harten Schnitten wechselt der Text von Szene zu Szene, von einer Person zur nächsten. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Motive, Fuchs stellt uns nicht nur Statisten vor, die sein Thema, "Auswanderer" illustrieren sollen, sondern Personen. Leider beginnt da auch das Problem des Buches.

Das Buch ist im Rahmen eines Projekts entstanden, in dem Hamburg seine Geschichte als Auswandererstadt aufarbeitet. Gerd Fuchs stand unter Zeitdruck. Dem Text merkt man es an. Die verschiedenen Personen haben eine eigene Geschichte, aber oft wird sie lieblos erzählt, langweilig, in Halbsätzen abgehandelt, was eine Szene verdient hätte, vieles blieb Skizze, hätte eine gründliche Überarbeitung verdient. Der Stil ist oft hölzern, bedeutungsschwer, damit kann man in Deutschland Literaturpreise gewinnen, aber langweilt den Leser. Keiner trampelt über die Treppe, "Es war ein Getrampel auf der Treppe gewesen. Es hatte geklopft." ... "Es war der berühmte Robert Koch gewesen.". Solche Stilelemente kann man nutzen. Sparsam. Sonst wirkt es maniriert und mag noch den einen oder anderen Literaturkritiker (vielleicht) begeistern, den Leser stört es. Eine Prise Salz würzt das Essen. Zwei Esslöffel versalzen es.

Fuchs hat das Buch erst im Selbstverlag als BoD (Book on Demand) herausgebracht, kein Verlag wollte das Risiko tragen. Angst vor den Lektoratskosten?
Aber auch Selbstverlag verdient Überarbeitung und diese Zeit - es ist Zeit, viel Zeit, die es kostet - haben die Auswanderer nicht bekommen. Der Nautilus Verlag hat den Roman neu herausgebracht, die Zeit und das Geld für eine gründliche Überarbeitung hat auch er gespart.

Schade. Denn eine gründlich Ausarbeitung hätte daraus einen Schmöker, ein Lesefest, gute Unterhaltung, Literatur und geschichtliches Erinnern in einem Text schaffen können. Eine Art deutsches "das grüne Akkordeon" sozusagen. So ist es ein Erinnerungsbuch geblieben, auch das ist wertvoll, aber weder Literatur noch Unterhaltung.

Gebundene Ausgabe - 256 Seiten - Edition Nautilus
Erscheinungsdatum: Januar 2003
ISBN: 3894014075
22,- Euro

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