Ararat! Reisebericht.
Bettina Selby, Piper Verlag 2004





Mit dem Fahrrad durch Kurdistan

"Kaleidoskopartige Bilder blitzten vor meinem geistigen Auge auf - große, urtümliche Ströme, die sich durch Schluchten wälzten, blaue Binnenmeere; hochragende, struppige Gebirge und die übereinandergeschichteten, jahrtausendealten Lagen von Geschichten und Legende: hethitische und urartische Ruinen aus der Dämmerung der Zivilisation; der Vansee und der Garten Eden; Jason und das goldene Vlies; Amazonen; Homers Griechen in ihren hochbugigen Booten; Moscheen und Paläste der Seldschuken; kurdische Raubburgen; Xenophons Zehntausend, die sich nach ihrem misslungenen Angriff auf den Großkönig einen Weg durch Kurdistan zurückkämpften; Trapezunt und das letzte Flüstern des Byzantinischen Weltreichs. Mit einemmal erkannte ich, dass dies eine Reise war, die ich schon immer hatte unternehmen wollen."

Ganz allein reist Bettina Selby 1993 von Istanbul entlang der Schwarzmeerküste durch das pontische Gebirge zum Ararat und mitten im Guerillakrieg der PKK durch die ostanatolischen Kurdengebiete. Nicht ganz ungefährlich, zur gleichen Zeit wurden mehrere Touristengruppen von der PKK entführt. Sie erlebt herzliche Gastfreundschaft, aber auch Kurden, die Hunde auf sie hetzen, atemberaubende Landschaften und überall Zeugnisse der Vergangenheit in einem Land, das seit Tausenden von Jahren von den unterschiedlichsten Völkern und Kulturen erobert und bewohnt wurde.

Außerdem reist sie mit offenen Augen, sie schildert den allgegenwärtigen Müll, die verrauchten Zimmer ebenso wie die erstaunliche Herzlichkeit, mit der ihr die meisten begegnen. Und natürlich die Diskussionen mit Kurden, ihre Wut über ein Regime, das willkürlich verhaftet, schon auf der Strasse kurdisch zu sprechen, reicht als Grund aus. Sie verschweigt aber auch nicht, wie der kurdische Nationalismus oft zu den krudesten Verschwörungstheorien führt, sie nimmt keine Partei, sie schildert, was sie hört, sieht und erlebt.

Natürlich sollte der Leser im Kopf behalten, dass das Buch 1993 geschrieben wurde, auf dem Höhepunkt der PKK-Guerilla. Erst jetzt wurde es ins Deutsche übersetzt. Und kaum ein Land ändert sich so schnell wie die Türkei.

Wer sich für Geschichte interessiert, stößt schnell auf deren dunklen Seiten, überall, erst recht in diesem Gebiet, das so oft Ziel von Eroberungen war. Die Massaker an Armeniern im ersten Weltkrieg sind in der Türkei immer noch tabu, obwohl sie von der osmanischen Regierung, nicht von der Republik begangen worden waren. Trotzdem dürfen sie in der Türkei nicht diskutiert werden und werden einfach geleugnet.

Als sie bei einer Familie zum Essen eingeladen ist, wird ihr Kreuz, das sie um den Hals trägt, zufällig entdeckt und die Mutter der Gastgebers sagt: Sie hätte es nicht für möglich gehalten, sich je mit einer Christin an einen Tisch zu setzen. Worauf eine hitzige Diskussion ausbricht, mit unerwartetem Ergebnis:
"Dann begann Varas Urgroßmutter, eine runzlige alte Frau, zu sprechen und alles wurde still. Nach einer Weile übersetzte mir Osman, worüber sie sprach. Offensichtlich hatte der Vorfall bei ihr Erinnerungen an das Massaker an den Armeniern geweckt, dessen Zeugin sie als kleines Mädchen in ihrem Dorf etwas weiter im Süden geworden war. Sie erzählte, wie die Imams durch die Straßen gingen und die Kurden drängten: "Tötet die Christen, tötet die Ungläubigen!". Drei kleine Armenierjungen hätten vor dem Gemetzel Zuflucht im Haus ihrer Eltern gesucht, und die Frauen hatten versucht, sie zu beschützen. Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter flehte: "Die nicht, die nicht!", doch die Männer hätten sie trotzdem nach draußen gezerrt. Die Straßen seien voller Schreie gewesen, überall schlugen Flammen hoch."


Viele Reiseberichte sind so spannend wie die Urlaubsdias der Nachbarn. Doch Selbys Buch gehört nicht dazu. Anfänglich beginnt es auch etwas trocken, doch bald erlebt der Leser das Land mit, die Begegnungen mit Türken und Kurden, die Ruinen, die Geschichte, von der Selby fasziniert ist und die sie dem Leser auch immer wieder nahe bringen kann. So schlägt das Buch den Leser mit seiner Mischung aus Reisebericht und erlebter Geschichte, Alltäglichem und Unglaublichem bald in Bann und ich habe es in einem Zuge ausgelesen.

Über die Autorin: Bettina Selby, geboren in London, ging als Fünfzehnjährige zur britischen Armee, arbeitete später als Fotografin und studierte dann Religionswissenschaften. Als ihre drei Kinder erwachsen waren, ging Selby mit dem Fahrrad auf Reisen, zuerst durch Pakistan zum Himalay, später von der Mündung des Nils bis zu den Nilquellen und nach Timbuktu. Etliche Ihre Reisebücher sind auch ins Deutsche übersetzt worden. Heute wohnt sie mit ihren zwei Katzen in Brecon Beacons.

Homepage von Bettina Selby

Ararat!, Bettina Selby, Piper Verlag, März 2004
Originaltitel: Beyond Ararat, aus dem Englischen von Jürg Wahlen
ISBN 3-492-23835-1, TB, 296 Seiten, 9,90 €

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