42. Roman.
Tom Lehr, Aufbau 2005


Aus der Zeit gestoßen

Um 12 Uhr 47 Minuten und 42 Sekunden steht die Zeit still. Allerdings nur für eine kleine Gruppe im CERN Forschungzentrum bei Genf, bei dem riesigen Teilchenbeschleuniger, der erforschen soll, was die Materie im Innersten zusammenhält. Während alle anderen, alles andere im Zeitstrom weiterschwimmt, leben die "Chronifizierten" fortab außerhalb der Zeit. Andere Menschen sind starr mitten in den Bewegungen eingefroren, nichts regt sich mehr und selbst das Wasser in Leitungen und Flüssen bewegt sich nicht.

Zunächst hält der Schock die kleine Gruppe gefangen und beieinander, zu fremd ist das, was geschieht, die Folgen auch in kleinen Dingen fatal: Toilettenspülungen versagen den Dienst, Türen öffnen sich nur mehr durch Tricks und selbst die einfachsten gewohnten Alltäglichkeiten nehmen bizarre Formen an.

Tom Lehr führt seine "Was wäre, wenn ...?" Frage konsequent zu Ende. Was passiert, wenn plötzlich Menschen außer der Zeit existieren, hat er auch und gerade an Einzelheiten beantwortet, mit denen er seine Leser stets aufs neue überrascht. Endlich einmal wieder ein Buch, das es wagt, sich auf neue Pfade zu wagen, hinaus zu segeln, ohne das sichere Wissen, wo es ankommen wird, ein Buch, das den Leser immer wieder überrascht.

Der Autor ist außerdem sprachverliebt. Obwohl "verliebt" ist wohl das falsche Wort, denn er pflegt eher eine S/M Beziehung zu seiner Sprache, experimentiert mit ihr, quält, verdreht sie und was immer man mit ihr anstellen kann, dieser Autor probiert es aus. Das ist nicht jedermanns Sache. Vor allem im Mittelteil führt das zu einer Sprache, die verquer, unverständlich, verschachtelt mit Nebensätzen jongliert und teilweise Konstrukte verwendet, die den Leser in eine Wortwelt entführt, die an realsozialistische Plattenbauten denken lässt, Betonkonstrukte ohne jede Gefälligkeit, Bahnhofshallenambiente. Man kann darüber streiten, ob das über die ganze Länge eines Buches nötig ist, vor allem, wenn er, seiner Sprache willen, auch die abseitigste Kleinigkeit niederschreibt, nur weil sie Gelegenheit zu einem weiteren Nebensatz, einer weiteren Unterkonstruktion bietet.

Ein Pageturner ist das wahrlich nicht, aber Pageturner, Ex-und-Hopp Bücher, Big Mac Literatur haben wir die letzten Jahre genügend ertragen müssen. Lehrs Buch kann man nur langsam lesen. Und mancher wird es gar nicht lesen können, gar nicht lesen wollen, weil ihm Lehrs Sprachexperimentierfeld auf Dauer abschreckt, an eine Baustelle erinnert - und wer besucht schon gern Baustellen? An diesem Buch scheiden sich ganz eindeutig die Geister, die einen lieben es, die anderen wenden sich mit Grausen davon ab.

Doch das Hauptmanko des Buches sind die Personen. Hier tut Lehr, was er sonst so eifrig vermeidet: Er verwendet gängige Schemata. Der Ich-Erzähler zerquält sich in Nabelschau, wie es seit Jahrzehnten als literarische Pflicht gilt, fast scheint er aus der Literatur der Sechziger/Siebziger Jahre entlaufen. Nur leider: Sein Nabel ist nicht sonderlich sehenswert, seine inneren Monologe legen eher nichts frei und auch seine Mitfiguren beschreibt er so beliebig, dass sie nie eigene Gesichter bekommen. Wenn man die Namen dieser Figuren nehmen und mischen würde und an den Stellen, an denen Charaktere vorkommen, nach Belieben irgendeinen einsetzen würde, es würde fast nirgends auffallen. Denn nicht nur haben alle die Zeit verloren und damit eine Dimension des Lebens, allen fehlen überhaupt die Dimensionen. Sie sind nicht eindimensional, sondern nulldimensional, flach wie Scheckkarten, austauschbar wie Hamburger. Was sie tun, scheint beliebig, sie tun es nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil Lehr es ihnen befahl: kein Deus ex Machina, sondern ein ganzer Olymp springt hier aus der Schachtel. Und was sie sagen - aber sie sagen sowieso wenig bis gar nichts - scheint zufällig. Da sie keine Gefühle haben, werden diese überall behauptet. Nur leider glaube ich ihnen die sowenig, wie ich meinem Laptop glauben würde, wenn er plötzlich seine tiefe Liebe zum Staubsauger behaupten würde.

So ist dieser Roman einerseits ein gewagtes Experiment, für das man den Autor loben muss, und andererseits ein zerquältes Buch geworden.

Fazit: ein Roman weitab von gängigen Pfaden, für sprachverliebte eine Fundgrube, für die, denen Charakter wichtig sind, eher nicht geeignet.

42, Tom Lehr, Roman - 368 Seiten - Aufbau-Verlag, August 2005,
Auflage: 4., Aufl. ISBN: 3351030428

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